22.05.2018

„Mein schönes Fräulein, darf ich wagen…“ – Goethes „Faust“ in Biesdorf

(OtR) Der „Faust I“ von Johann Wolfgang von Goethe gilt als einer der Klassiker unter allen Theaterstücken überhaupt. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an eine Aufführung und ebenso die Risiken des Scheiterns. Die Theater-AG „Ludigaudens“ des Privaten St.-Josef-Gymnasiums Biesdorf hat sich unter der erfahrenen Leitung von Christine Conradt dennoch daran gewagt – mit Erfolg.

 

Kann man den „Faust“ überhaupt noch unbedarft aufführen? Ist er nicht so voll von klassisch gewordenen Zitaten, dass man eigentlich nur noch darauf wartet, wann das „Mein schönes Fräulein darf ich wagen…“, wann das „Habe nun, ach! Philosophie…“ und wann des „Pudels Kern“ kommt? Das geht, wenn die Aufführung die rechte Mischung aus Unaufgeregtheit und angemessener Dramaturgie ist. Diese Gratwanderung haben die Schülerinnen und Schüler von „Ludigaudens“ hinbekommen, und das mit einer Schauspielkunst, die bei Einzelnen bis an professionelles Niveau heranreicht. Hinzu kommt, dass die fünf Aufführungen mit wechselnden Besetzungen und wechselnden Interpretationen gespielt werden, so dass jede einzelne Aufführung einen unverwechselbaren Charakter bekommt. Gleich bleiben jedoch die eindrücklichen Effekte,  wenn etwa der „Erdgeist“ als monumentaler Schattenriss hinter dem Vorhang spricht oder Mephisto (Jan Wittmer/Lea Moos) in der in rotes Licht getränkten Szene Verwirrung stiftet. Wirkungsvoll auch die Wechsel vom alten Faust (Johannes Scholtes) zum jungen Verführer (Maxim Rosin/Emil Jackel) des herrlich unbedarften Gretchens (Tina Fandel/Anne Vogel/Kim Krischler/Nastja Nedjai).

 

Bei allem Witz, den  der große Weimarer Schriftsteller seinem „Faust“ auch mitgegeben hat, ist die Inszenierung durch die Biesdorfer Truppe doch im Ganzen ernst und groß. Die Fülle der aktuellen Bezüge zu den heutigen Problemen lässt einen schnell das Berühmte-Zitate-Zählen beenden, und man versinkt mit Gretchen und Faust in den Fragen „wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem anderen wirkt und lebt.“

 

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